Die Heilung des englischen Patienten

Wenn heute abend das Mailänder Derby angekickt wird, steht erstmals in der langen Geschichte dieser Veranstaltung ein ganz bestimmter Mann im Mittelpunkt. Einer, der auf der globalen Fußballbühne notorisch bekannt dafür ist, im Mittelpunkt zu stehen. (Zwar nicht wegen seiner fußballerischen Kunst, aber das sind auch keine News mehr). Die Rede ist natürlich von David Beckham – dem mitunter verloren wirkenden Vagabund zwischen den Welten Sport, Popkultur und Gossip, zu dem ihn seine nicht mehr unterbietbare, völlig talentfreie Frau gemacht hat. Nach den neuesten Entwicklungen wird Beckham ja seinen für beide Seiten ach so glückseligen Leihaufenthalt beim AC Milan wie urpsrünglich geplant doch Anfang März beenden müssen. Sprich: Er wird zu Los Angeles Galaxy in die Major League Soccer zurückkehren und die dortige neue Saison in Angriff nehmen.

Europäische Zeitungen von The Sun abwärts melden zwar – übrigens ohne mit den in diesem Fall entscheidenden Figuren in den USA Kontakt zu halten -, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen sei. Mit einer signifikant aufgefetteten Offerte könnten die Mailänder die Herren jenseits des Atlantiks doch noch überreden, wird spekuliert. Doch die Wahrscheinlichkeit hierfür ist äußerst gering. Galaxy und die MLS haben formal-juristisch alle Fäden in der Hand, und sie werden von ihrem Standpunkt nicht so mir-nichts-dir-nichts abgehen. Für die Liga und den Klub ist Beckham ein fast existenziell wichtiger Business-Parameter – was auch dezidiert so gesagt wird. Tim Leiweke, gewiefter Chef von Galaxy-Eigentümer AEG (Anschutz Entertainment Group) – und nur nebenbei: jener entscheidende Strippenzieher, der den Beckham-nach-Amerika-Coup eingefädelt, orchestriert und meisterhaft abgeschlossen hat – teilte der Associated Press folgendes mit:

„They (Milan; Anm.) clearly were looking at this as a football decision and we were looking at this as a football and business decision. I’m not sure they ever quite understood the magnitude of the losses the Galaxy and the league would have had to bear this season.“

Das sagt alles. Galaxy verdient nur als Beckham-Show Millionen – und zwar unabhängig vom auf dem Rasen Gezeigten, das wenig Ähnlichkeit mit der zielgerichteten Aktivität Fußball hat, wie man sie in unseren Breitengraden kennt. Milan müsste sich finanziell schon bis an die Decke strecken, und Beckham selbst müsste bei Leiweke, mit dem er sehr eng ist, auf die softe Tour vorsprechen und ihm seine Sicht der Dinge klarmachen. Dann könnte es noch klappen. (Interessant ist allerdings folgendes Gedankenspiel: Falls a) Milan Beckham doch sofort landen kann und b) Bayern München plötzlich mit dessen Klubkollegen Landon Donovan genauso verfahren will, stünde die MLS vor einem gigantischen Dilemma: Soll man mit Donovan auch den zweiten der einzigen beiden Stars, den die Liga besitzt, ziehen lassen? Das würde dem Produkt MLS enorme Schäden einbringen, Verluste wären programmiert. Will man andererseits Donovan die Chance nehmen, der bis dato bekannteste, beste und in Europa erfolgreichste US-Kicker aller Zeiten zu werden? Ein Donovan, der bei Bayern reüssiert, würde Soccer einen riesigen Push geben und über Rückkopplungseffekte letztlich auch der heimischen Liga Flügel verleihen…)

Wie auch immer. Am Ende lässt sich aus dem ganzen Kerfuffle (wie der gemeine Engländer so schön sagt) eine interessante und positive Erkenntnis destillieren: Beckham hat eingesehen, dass sein Wechsel ein Fehlgriff war. Er wollt sich’s ja in Hollywood gemütlich machen: von seinen Sponsoren unverschämte Summen kassieren, am Abend die L.A. Lakers schauen gehen, vielleicht ein paar wertlose MLS-Titel gewinnen und nebenbei zur US-Berühmtheit aufsteigen (wobei letztgenanntes vor allem auf der Agenda von Gattin Victoria stand). Der Fußballer David Beckham jedoch ist im Juli 2007 schwer erkrankt, de facto in einen wachkomatösen Zustand gekippt.

Dass er als Entwicklungshelfer einer athletisch nicht schlechten, aber technisch und taktisch massiv rückständigen Liga (wer’s nicht glaubt, soll sich im Frühjahr ein paar MLS-Stream reinziehen) fungieren wollte, ehrt ihn zwar. Aber dass er diese Mammutaufgabe alleine packen hätte können, war ein realitätsferner Denkfehler der MLS-Oberen und von ihm selbst. Becks hat sich in eine ziemlich virtuelle Fußballwelt zurückgezogen, dabei hatte und hat er dem Spiel noch immer eine Menge zu geben. Jetzt reifte die Einsicht, dass man das nur in Europa tun kann. Der AC Milan hat seine Selbstheilung in die Wege geleitet, dafür gebührt ihm Lob und Dank.

Next up: Nach seiner Rückkehr in die Staaten kann Beckham dort gleich die Abschiedstournee starten. Nach der kommenden MLS-Saison kann er die Option ziehen, einseitig aus seinem 5-Jahres-Vertrag auszusteigen. Wohin die Tendenz geht, darf sich jeder selbst zusammenreimen. Und nach seiner Performance im Milan-Dress wird das Interesse europäischer Topklubs zum fraglichen Zeitpunkt, Herbst 2009, nicht gering sein.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: